Technology


Das BarCamp Vienna am 13-14. Juni 2009 geht gerade zu ende. Es war mein erstes Bar Camp seit dem Helma NG Event vor ca. einem Jahr. Stattgefunden hat das Ganze in der Modul Universität auf dem Kahlenberg in Wien, eine sehr respektable Universität mit sündhaft teuren Studiengebühren. Die TeilnehmerInnen der Veranstaltung konnten sich über eine wunderbare Lokation über den Dächern Wiens freuen.

Terasse der Modul-Uni am Kahlenberg

Blick auf Wien

Ich hab noch keine große BarCamp Erfahrung und deshalb keinen qualifizierten Vergleich, aber ich fand die Sessions großteils positiv. Mein Geschmack wurde mit dem Schnittpunkt zwischen Technik und Gesellschaft aber auch gut bedient. Zum Beispiel sind zwei Slots über Google Wave und Privacy zusammen geflossen, die Themen gingen einfach in einander über und die Zeitslot Grenzen waren egal. Ein gutes Beispiel wie Bar Camp Regeln kreativ neu gedeutet werden müssen.

Mein Hunger nach harten Technik Fakten wurde in den Sessions über „Identi.ca und andere laconi.ca Installationen“ und „Cloud Computing für Normalsterbliche“ befrieidigt. Beim Zweiteren war es schön zu sehen, dass auf die Frage wer Cloud Computing kennt ein ganzer Saal die Hände hob, aber auf die Frage wie man das definieren könnte nur noch einer bescheid wusste.

Die live Installation einer laconica Instanz wurde übrigens gleich vom österreichischen Internetrat verwendet um ihre Plattform saubertweeten einzurichten. Was der Internetrat ist war Thema einer heftigen Diskussion am ersten Abend. Ich empfinde es fast als gefährlich eine Stellungnahme dazu abzugeben. Für mich ist der Internetrat schwarzes Theater im Internet und eine gekonnte Parodi auf den österreichischen Medienrat.

Online-Ethik, Freiwillige Selbstkontrolle und Empehlungen

Diese Aktion zeigt wie Vertrauen im Internet hergestellt wird, wie sich eine selbsternannte Institution etabliert. (1) Der Name beinhaltet ‚österreich‘ und ‚Rat‘ (2) es gibt einen Futurezone-Artikel darüber (3) Die 5 Vorstandsmitglieder sind den Meisten in der österreichischen Netz Community bekannt.

Der Internetrat trägt seinen eigenen Widerspruch in sich
Jeder kann einen Blog aufmachen

Diese 3 Punkte reichen um in den Diskurs über Zensur ernst genommen zu werden und um einen ganzen Saal zu bewegen, die eine Hälfte ist lautstark am lachen und die Andere kämpft mit der fehlenden Legitimation dieses Zensur-Organs. (Sebst-)Zensur und Empfehlungen werden dabei genauso leicht verwechselt wie unüberlegte Aktionen mit echter NGO Arbeit. Für mich war es nach diesem Tag klar, dass der Aufklärungsaspekt bei der Geschichte überwiegt. Es wurden Leute hinters Licht geführt und ihnen wurde ein Spiegel vor gehalten, aber am Ende haben alle gelacht und, nach meinem empfinden, gab es Konsens über die Ernsthaftigkeit des Themas.

Am nächsten Tag wurde das nochmal auf die Probe gestellt. Der österreichische Onlinerat hat sich über die Nacht gegründet! Dabei handelt es sich, meiner Meinung nach, um eine Parodie auf die Parodie. Das Argument der fehlenden Legitimation des Internetrats wurde ins extreme verkehrt und eine Institution ohne Führungsstrukturen wurde geschaffen. Die Nutzergemeinde soll den Internetrat kontrollieren. Dabei ist, wer auf Twitter oder Facebook folgt. Themen? Regeln? Gibts noch nicht. red ma drüber!

Onlinerat Initiator

Der Onlinerat

Der Internetrat

Der Internetrat

Datenschutz, Zesurfreiheit, Netzneutralität. Das sind Themen die technik begeisterten Menschen normalerweise sehr wichtig sind. Schließlich haben die, die ihr Leben großteils im Netz verbringen, durch diese neuen Restriktionen am meisten zu verlieren. Natürlich gab es auch Sessions, die sich diesem Thema ernster genähert haben. Damit meine ich „Bürgerrechte & das fehlende Bewusstsein im Informationszeitalter“ von dem Betreiber von netwatcher und q/uintessenz.  In dieser Session war der Inhalt einschlägig und dem Thema entsprechend ernst, dafür war die Verkleidung des Vortragenden und das rund herum etwas überzeichnet.

Bürgerrechte & das fehlende Bewusstsein im Informationszeitalte

Bürgerrechte & das fehlende Bewusstsein im Informationszeitalte

Vielleicht bin ich von der SIGINT einfach nur noch eine andere Art gewohnt sich diesem Thema zu nähern. Aber irgenwie fehlte mir da die Bereitschaft zu kämpfen und das heißt in diesem Fall glaubhaft genug zu sein um die breite Masse zu informieren.

Das eVoting Experiment während der diesjährigen ÖH-Wahl war ja auf der ganzen Linie eine Schande für die Veranstalter (Minister Hahn und bmwf). Das zeigt sich nicht nur an der schlechten Umsetzung, dem abstrusen technischen Konzept dieser Wahl, der breiten Kritik oder der extrem geringen Wahlbeteiligung (1 %), sondern auch noch an den Patzern die zuletzt noch passiert sind.

Das schlagkräftigste Argument gegen den Einsatz von eVoting oder Wahlcomputern ist, meiner Meinung nach, das Kriterium der Nachvollziehbarkeit einer Wahl. Die demokratische Legitimität einer Wahl besteht darin, dass Jeder und Jede ihre Stimme frei abgeben können und das Ergebniss die simple Summe dieser einzelnen Entscheidungen ist. Die Möglichkeit der Überprüfbarkeit ist hier ein zentrales Element. Egal welches Alter, welche geistigen Fähigkeiten oder speziellen Kenntnise jemand hat, wie es zu der Entscheidung kommt muss nachvollziehbar sein! Das ist eine der Anforderungen an jede Wahl in unserm Rechtsstaat, neben der Allgemeinheit und Geheimhaltung (welche auch nicht garantiert wird).

Der Patzer auf den ich hier aufmerksam machen will ist fast zu lächrelich um darüber zu reden, aber noch darf man das ja. Das installierte System baut darauf auf, dass alle abgegebenen Stimmen einen Prüfcode bekommen mit dem die Wähler in einem öffentlichen Register nachprüfen könen ob die eigene Stimme auch gezählt worden ist. Eben dieses öffentliche Register wurde nun viel zu spät und ohne zu funktionieren online gestellt. Wenn man auf die offizielle Seite für die ÖH-Wahl geht findet man ein funktionsloses Formular für den Prüfcode. Es Funktioniert zwar noch nicht, ist aber online und für ein abgeschicktes Formular findet sich folgender Code:

<script type="text/javascript">
function chkFormular () {
  if (document.Formular.p_IDpart.value == "" || document.Formular.p_IDpart.value.length < 5) {
    alert("Beschreibung wie der Code aufgebaut sein muss. ziffer. groß/klein buchstaben min. 5 max. 10,...<br/>
<br/>
");
    document.Formular.p_IDpart.focus();
    return false;
  }
}
</script>

Dieser Code wirft natürlich einen Fehler:

unterminated string literal: https://oeh-wahl.gv.at/Content.Node/34137.php (Line 194)

bei jedem Aufruf der Seite.

Ich bin glücklich, wenn man diesen missglückten Versuch eingesteht und unsere Politik daraus lernt. Computerunterstütztes Wählen ist einfach keine gute Idee und es spricht auch kein glaubhaftes Argument dafür. Viele technische Experten, darunter Professoren der TU, und alle zu wählenden Parteien in diese Wahl, waren gegen dieses Experiment. Hoffentlich waren das die letzten 2.161 elektronisch abgegebenen Stimmen!

Für ein paar theoretische Möglichkeiten wie ein Wahlsystem manipuliert werden kann empfehle ich diese Ressource.

Sigint-logo-new#sigint09 war der Hashtag meiner letzten Reise. Mit dem Flugzeug von Wien nach Köln um bei meiner ersten Chaos Computer Club (CCC) Konferenz dabei zu sein. Ich habe mich für meinen Aufenthalt dort zum Couchsurfing entschieden. Von 40 Couchsurfing-Requests bekam ich erstaunliche 6 Zusagen. Es funktioniert also!

Die Rakete landete im Mediapark, dem technologie Viertel von Köln. Sigint stand für Signal Interrupt oder Signal Inteligence. Das Thema waren einerseits geplante Überwachungsmaßnahmen des deutschen Staates und andererseits die Schnittstellen und Interdependenzen zwischen Technik und Gesellschaft. Das Konzept traf also ziemlich genau meine Interessen und den Nerv der Zeit. Die Qualität der Vorträge war erstaunlich gut und wurde dem Thema gerecht.

Das feine an solchen kleineren und neuen Veranstaltungen, ist die Offenheit und Zugänglichkeit. Man kann im Grunde mit allen Anwesenden Kontakt aufnehmen, egal wie bekannt oder unbekannt der Name ist. Der Einzige, bei dem ich das auch schon vorab im Sinn hatte war Tim Pritlove. Der Mann liegt mir seit Jahren mit seinem CRE im Ohr und war meine Einstiegsdroge in den Dunstkreis des CCC. Neben einem warmen Händedruck hab ich ihm vorgeschlagen mal ein Hörertreffen in Wien zu machen, er stimmte zu.

Die Vorträge wurden ihrem Titel meist gerecht und waren stimmig zueinander. Themen wie Überwachung, neue Möglichkeiten des Protests, Open Goverment und Alternativen zum klassischen Copyright wurden in ihrer Vernetztheit mit Gesellschaft und Technik dargestellt. So war für jedeN etwas dabei und das „Andocken“ wurde leicht gemacht. Ziel der Sigint war es ja auch eigentlich ein Event „für die Community“ zu sein, also die allgemeine Relevanz der Themen des CCC aufzuzeigen und damit der Öffentlichkeit näher zu bringen. Ein Unterfangen, dass ich als wahnsinnig wichtig empfinde. Schließlich ist es die Aufgabe von ExpertInnen, wie der Club sie vereint, die Öffentlichkeit über die Laien-Politik zu informieren. Dieser Bildungsauftrag war mitunter ein Grund für diese neue Konferenz.

Vielleicht fragen sich manche schon wieso ich als Österreicher auf dieser Kölner Konferenz mit starkem Deutschland Bezug war. Diese Themen halten nicht vor nationalstaatlichen Grenzen und innerhalb der EU gibt es eine Tendenz zur Reglementierung und Aufhebung der Netzneutralität. Wenn Deutschland in diesen Themen um fällt, dauert es in Österreich auch nicht mehr lange bis DNS-Sperren oder Deep-Packet-Inspektion kommen. Außerdem fehlt es in Österreich an einer Organisation, die mit dem Chaos Computer Club vergleichbar wäre bzw. der sonstigen NGO-Landschaft, die sich in Deutschland zu diesen Themen engagiert (AK-Zensur, AK-Voratsdatenspeicherung, netzpolitik.org, …). Dies ist auch ein Feld in dem ich mich über persönliche Betroffenheit hinaus mehr engagieren werde!

Mit dieser Öffnung des Clubs und seiner stärker werdenden politischen Arbeit gehen auch Ängste innerhalb des Vereins einher. Je mehr politisches Gewicht eine Organisation bekommt, umso leichter gerät sie auch ins Fadenkreuz der Behörden. Dabei geht es nicht um illegale Aktionen wie neue Hacks o.ä., sondern darum der Öffentlichkeit zu zeigen was heute schon mit ihren Daten möglich ist. Diese Datenlecks passieren sowieso und werden auch in Skandalen, wie dem Verlust von 17 Millionen Kundendaten der Telekom öffentlich. Die Mehrheit der Bevölkerung lässt sich von diesen Skandalen leider trotzdem nicht in ihrem fehlenden Bewusstsein für die eigene Privatsphäre beirren. Deshalb ist es notwendig neue Wege zu gehen und einer davon ist für mich ganz klar, mehr Öffentlichkeitsarbeit. Die Themen der Hackerkultur waren von Beginn an Privatsspähre, Selbstkompetenz und Netzneutralität. Mit der Popularität des Internets und seiner Integration in fast alle Lebensbereiche, sind diese Themen in den Mainstream gerückt. Nur ist die Hackerkultur und die Computerkompetenz, die sie ausmacht, klar noch nicht im Mainstream angelangt, wird sie vermutlich auch nie. Aber eben um dieser Hürde zu überbrücken brauchen wir neue Mittel und Wege zu Informieren und uns Verständlich zu machen. Die SIGINT war ein Teil davon!